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Betritt man zur Osterfestspielzeit das Foyer des Großen Festspielhauses, ist es ratsam, eine Sonnenbrille aufzusetzen. Denn man taucht ein ins Blitzlichtgewitter der vollzählig versammelten Boulevard-Journaille, deren begehrtestes Ziel heuer blondierte Damen mit Sabine-Christiansen-Frisur sind.
Die High-Society findet sich allerdings nicht nur im Foyer, sondern auch auf der Bühne: Pelleas und sein grimmiger Halbbruder Golaud tragen weißglitzernde Blazer und Hosen, Melisande im knallroten Cocktailkleid ist da ein echter Kontrast.
Die Rampe als Star
In Stanislas Nordeys Pelleas-Inszenierung stehen Entfremdung und Fremdheit im Mittelpunkt, die Figuren wirken alle einsam und verlassen. Sie gehen langsam auf und ab oder stehen vor einer Landschaft aus riesigen Büchern (Bühne: Emmanuel Clolus), die beständig im Kreis gefahren werden. Ein Buch ist dabei immer im Vordergrund, es öffnet sich und gibt den Blick frei auf anfangs monochrome Farbfelder in gleißendem Weiß. Im Verlauf des Abends verschmutzt dieses Weiß zu Grau. In einem anderen Buch sieht man Melisande in einem roten Kleid, umgeben von unzähligen weiteren roten Kleidern.
Nordey setzt vor allem auf die Wirkung dieser großformatigen Bilder, weniger auf genaue Personenführung. In den ersten drei Akten ist die Hauptprotagonistin die Rampe, erst nach der Pause, wenn sich Pelleas und Melisande für einmal wirklich näher kommen und dieser kurze Glücksrausch vom eifersüchtigen Golaud tödlich gestört wird, gelingt eine Feinsteuerung der Figuren.
Hier ist auch die Bühne am eindringlichsten: Bewegliche Wandteile in Rottönen werden gegeneinander verschoben, wobei man unweigerlich an blutige Schüttbilder à la Hermann Nitsch denkt. Claude Debussy hat bei seiner Vertonung der Maeterlinck-Vorlage ein meist eher ruhig dahinfließendes Klanggemälde geschaffen, Simon Rattle hingegen dirigiert das Seelendrama an manchen Stellen fast wie ein Seestück Benjamin Brittens. Vor allem in den beiden Schlussakten braust das Orchester heftig auf, das Blech knallt und extreme Crescendi sorgen für Höreindrücke, die man von der impressionistischen Kompositionsweise Debussys nicht erwartet. Einzelne, teilweise sehr stimmungsvolle Effekte fügen sich bei den Berliner Philharmonikern letztlich nicht zu einem wirklich stimmigen Ganzen.
Überragender Golaud
Sängerisch beachtlich war das Rollendebüt von Angelika Kirchschlager, die - mit wenigen Abstrichen in der Höhe - eine wunderbar zerbrechlich-zarte Melisande gab. Eines fehlt ihr jedoch: Sie ist kein so ätherisch-schwebendes Wesen wie in Libretto und Partitur vorgesehen.
Simon Keenlyside interpretierte Pelleas als verklemmten jungen Mann mit erstaunlich wandlungsfähigem Bariton. Alle überragend jedoch Josè van Dam, ein Grandseigneur als Golaud. Zwischen warm dahinfließendem Timbre und heftigem Verzweiflungs- und Neidgesang bewies der mittlerweile über 60-Jährige, was es heißt, eine Rolle vollständig zu verinnerlichen.
Von J. F. Fuchs
10.04.2006 09:14 |
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